Rugby in Hamburg - der ovale Wiederaufstieg nach dem 2. Weltkrieg

Zum Ende der Sommerpause und noch vor dem Start des Spielbetriebes der Saison 2019/20 in den verschiedenen Ligen folgt der zweite Teil zur Geschichte des Rugbysports in Hamburg. Dafür sind der langjährige Präsident des Hamburger Rugby-Clubs, Heinz-Peter Jungblut, sowie HHRV-Pressereferent Matthias Hase im Volksparkstadion in des Vereinsarchiv des HSV hinabgestiegen, haben die Chronik des FC St. Pauli zum 75. Jubiläum der Rugbyabteilung gewälzt und sich durch das digitale Archiv des Hamburger Abendblattes gearbeitet. Herausgekommen ist ein Text mit vielen interessanten neuen Informationen und Anekdoten über den Wiederbeginn des Rugbysports in der Hansestadt nach dem 2. Weltkrieg bis hin zu den aktuellen Bundesligazeiten zwischen Alster und Elbe. 

Erstaunlich schnell kämpften die Hamburger Vereine nach Endes des 2. Weltkrieges wieder um das ovale Leder. So trugen die Klubs bereits in der Saison 1947/48 wieder eine Hamburger Meisterschaft aus. Prägend waren zu dieser Zeit aber auch Spiele gegen Mannschaften der British Army. Mit Aufnahme der drei Kieler Vereine 1. RC, Post und FT Adler gab es ab 1950 dann sogar wieder eine Nordmarkmeisterschaft, die die Vereine in dieser Form zwölf Jahre lang ausspielten. Und auch in Hamburg gab es neue sportliche Konkurrenz – unter altem Namen. Der Journalist Emil Creydt hob mit weiteren Rugbyenthusiasten am 6. Juni 1950  den Hamburger Rugby-Club von 1950 e.V. aus der Taufe. Gebürtig aus der deutschen Rugby-Hochburg Hannover stammend, war Creydt zunächst Mitglied im SV St. Georg und lenkte nicht nur die Geschicke des neugegründeten HRC. Denn nur zwei Jahre später lösten sich die Rugbyvereine der Hansestadt als Sparte unter dem damaligen Präsidenten Erich Mücke (FC St. Pauli) vom Hamburger Fußballverband und gründeten 1952 den Hamburger Rugby-Verband (HHRV). Und bereits drei Jahre vorher gründete sich der Allgemeine Sportklub Hamburg (Foto: Spiel des ASK gegen den FC St. Pauli im Jahre 1950).

 

Insgesamt zwölf Gründungsvereine verzeichnet das Protokoll: FC St. Pauli, HSV, Hamburger Rugby-Club, SV St. Georg, SV Polizei, Allgemeiner Sportklub Hamburg, Eimsbütteler TV, Altona 93, Union Altona, Fichte Langenhorn, Uhlenhorster HC und TSV Ahrensburg. Alles Vereine, in denen der Rugbysport zu dieser Zeit betrieben wurde. Hinzu kamen Klubs wie Komet Blankenese, in denen ebenfalls um das ovale Leder gekämpft wurde. Daher gab es nicht nur Rugbyplätze im Stadtpark, sondern auch in Langenhorn und in Altona. Emil Creydt übernahm dann 1953 nicht nur den Vorsitz des HHRV, sondern war auch viele Jahre Vizepräsident des Deutschen Rugby-Verbandes (DRV). 

 

Bis Mitte der 50er-Jahre gab es zahlreiche Rugbyplätze in der Hansestadt. Der HSV spielte auf seinem eigenen Geläuf in Ochsenzoll, die britische Armee stellte in Klein-Flottbek ihr Gelände für Punktspiele der Hamburger Mannschaften zur Verfügung und lieferten sich selber auf dem Sportplatz am Höpen in Langenhorn „spannende Rugby-Duelle“, wie das Hamburger Wochenblatt im Mai und Dezember 2017 berichtete, im Sternschanzenpark kämpfte vornehmlich die SV Polizei mit ihren Gästen um das ovale Leder, auf dem Sportplatz des SV Reemtsma in Bahrenfeld fanden Partien statt, im Stadion im Hammer Park und selbst im Volksparkstadion sowie am Millerntor flog der ovale Ball.

 

Ein Höhepunkt zu dieser Zeit war sicherlich das Spiel um die Stadtmeisterschaft 1948 zwischen dem FC St. Pauli und einer mit Akteuren des HSV und des ASK verstärkten Auswahl der SV Polizei (11:3), „das in den 20.000 Zuschauern auf dem Victoriaplatz (Anm.: das heutige Hoheluft-Stadion des SC Victoria) einen geräuschstarken Rahmen fand“, wie das Hamburger Abendblatt im Nachgang zu dieser Partie berichtete. Und das zweite von drei Endspielen in Hamburg um die deutsche Meisterschaft stieg 1962 zwischen Victoria Linden und dem SC Neuenheim (Heidelberg) im Stadion Sander Tannen von Bergedorf 85, das die Hannoveraner mit 11:3 für sich entschieden haben. Ein Spiel vor 2000 Zuschauern, die machten „allerdings Lärm für mehr als 10 000. Bunte Regenschirme, farbige Strohhüte, Sprechchöre und gellende Trompeten gaben der Szenerie einen Volksfestcharakter“, beschrieb das Hamburger Abendblatt die Szenerie während dieses Endspiels  Aber auch der Stadtpark in Winterhude war bereits zu dieser Zeit der eigentliche sportliche Mittelpunkt des Hamburger Rugbysports. An der damaligen Milchhalle am Jahnring, in Rugbykreisen später als Milchwirtschaft bekannt, und selbstverständlich an der Platanenallee, wo heute in der Rugby-Arena Stadtpark noch immer das Herz des ovalen Sports in der Hansestadt schlägt, kam und kommt es immer noch zu Stadtduellen, Bundesligapartien und Begegnungen mit internationalen Gegnern.

 

Sportlich war der FC St. Pauli auf diesen Plätzen das Nonplusultra. Die Nordmarkstaffel gewann der Klub von 1948 bis 1959 zwölf Mal in Folge. Durch diese Erfolge vertrat der FC St. Pauli regelmäßig die Hamburger Farben in den Endrunden zur deutschen Meisterschaft. Zudem spielten sich einige braun-weiße Akteure in die deutsche Nationalmannschaft. Darunter Dr. Armin Niebel aus der gleichnamigen Heidelberger Rugby-Dynastie und Vater des ehemaligen Bundesministers Dirk Niebel. Der Hamburger RC hatte dagegen mit ganz anderen Problemen zu kämpfen, die beinahe das abermalige Aus bedeutet hätten. Einige Vereinsmitglieder verließen den Verein 1958 nach internen Querelen und gründeten mit dem Namen Wandsbeker RC einen neuen Rugbyverein.

 

Doch der Wandsbeker RC hielt sich nicht und wurde nach kurzer Zeit wieder aufgelöst. Die Folge: Es kamen nicht nur die „Abtrünnigen“ zurück zum HRC, sondern auch einige neue Spieler. Doch nur wenige Jahre später drohte abermals das Aus des Klubs. Grund: Die HRC-Mannschaft bestand nur noch aus sieben Spielern. Auf  einer Mitgliederversammlung stimmten die verbliebenen Mitglieder daher über die Auflösung des HRC oder die Anbindung an den SC Urania ab. Mit nur einer Stimme Mehrheit wurde die Auflösung des HRC abgewendet und der Verein ging gestärkt in die turbulenten 1970er Jahre. Ein Jahrzehnt, das für das deutsche Rugby einen sportlichen Meilenstein bedeutete. Ein maßgeblicher Motor dieser Entwicklung: der FC St. Pauli.

 

Gründung der Rugby-Bundesliga mit Hamburger Beteiligung

 

Trotz seiner sportlichen Dominanz im Norden der Rugby-Republik, zog der FC St. Pauli lediglich einmal in das DM-Finale ein. 1964 war es soweit. Doch der FC St. Pauli verlor in Offenbach mit 0:11 gegen den DSV Hannover 78. Dennoch bedeutet diese Vizemeisterschaft den bis dato größten Erfolg der braun-weißen Rugbymänner. Ein Spieler ragte in diesen Jahren aus dieser Mannschaft heraus: Horst Wohlers, mit 30 Länderspielen immer noch Hamburgs Rekordnationalspieler. Zwar setzte es zu dieser Zeit auch Niederlagen wie 1967 die erste Pleite überhaupt gegen den HRC (3:10) oder es erwuchs mit dem Hamburg Exiles RFC ein Jahr vorher ein neuer sportlicher Konkurrent. Doch bis zum Jahr 1971 konnte der FC St. Pauli nach dem Krieg 23 Hamburger Meistertitel sammeln.

 

Neun weitere Titel sollten noch folgen. Daher war es nur die logische Konsequenz, dass der Verein Hamburgs Farben in der 1971 gegründeten Bundesliga vertrat. Somit war der FC St. Pauli ein Gründungsmitglied des deutschen Rugby-Oberhauses. Die SV Polizei, bereits am 7. Februar 1932 gegründet und mit dem ersten Spiel bereits drei Monate später gegen den HSV, entwickelte sich in dieser Zeit zu dem ärgsten sportlichen Konkurrenten des FC St. Pauli. Sicherlich auch ein Verdienst der hervorragenden Jugendarbeit, die der Deutsche Rugby-Verband 1965 ausgezeichnet hatte. Nach dem Gewinn der fünften Stadtmeisterschaft gelang Polizei somit 1972 auch der Aufstieg in die Bundesliga. Doch nach nur einer Saison stieg die Mannschaft wieder ab.

 

Das gleiche Schicksal ereilte den FC St. Pauli dann 1975. Und das trotz finanzieller Unterstützung durch den Wolfenbütteler Likörfabrikanten („Jägermeister“) Günter Mast, der zwei Jahre zuvor beim Fußballerstligisten Eintracht Braunschweig für eine Revolution im deutschen Sportmarketing sorgte, als das Logo seines Kräuterlikörs auf den Trikots der Eintracht prangte. Erst 1988 sollte der Wiederaufstieg in die 1. Bundesliga gelingen. Aber auch anderen Hamburger Vereinen gelang zwischenzeitlich der Aufstieg in das Oberhaus.

 

Der HSV vollführte dieses sportliche Kunststück sechs Jahre später. Doch die Mannschaft musste wie die SV Polizei nach  einer Spielzeit im deutschen Rugby-Oberhaus wieder den Gang zurück in die Regionalliga antreten. Anderen Vereinen erging es zu dieser Zeit noch schlechter. So löste sich die Rugbyabteilung des ASK Anfang der 70er Jahre auf. Aus dessen Konkursmasse wechselten Spieler zum HSV und sorgten dort für die goldenen 70er-Jahre des Rugbysports im Zeichen der blau-weiß-schwarzen Raute.  

 

Rückkehr des Erstliga-Rugbys in den 80er Jahren

 

Nachdem die SV Polizei mit vier Hamburger Meistertiteln in den 60er-Jahren und dem Erstligaaufstieg nur spärlich die sportliche Phalanx des FC St. Pauli brechen konnte, schickte sich nun der Hamburger Rugby-Club an, als neue sportliche Konkurrenz heranzuwachsen. 1982 und 1986 erspielte sich der HRC immerhin zwei Meistertitel. Bei den ehemaligen Erstligisten SV Polizei und HSV lief es dagegen sportlich immer schlechter. Die Folge: Mangels Spieler stellte der HSV zunächst seinen Spiel- und 1990 dann sogar seinen Trainingsbetrieb ein. Doch der FC St. Pauli untermauerte weiterhin seine sportliche Vormachtstellung in Hamburg.

 

Der Verein startete 1988 in die Aufstiegsrunde zur 1. Bundesliga und schaffte den Sprung gegen die Konkurrenz aus Berlin und Hannover zurück in das Rugby-Oberhaus. Der sportliche Höhepunkt war aber drei Jahre später der erste Triumph im damaligen Ligapokal. Im Jahr 2002 sollte der zweite Gewinn dieses Wettbewerbes folgen. Doch der Spielbetrieb in Hamburg dünnte sich immer mehr aus. Neben dem FC St. Pauli kämpften nur noch der Hamburger Rugby-Club und der 1966 gegründete Hamburg Exiles RFC um Punkte. So lud der Hamburger Rugby-Verband eine Auswahlmannschaft mit Spielern aus Rostock, Kiel, Geesthacht und Lienau ein, um von 1996 bis 2002 einen Hamburg-Pokal auszutragen, den der FC St. Pauli insgesamt sechsmal gewann. Während sich der FC St. Pauli und der Hamburger Rugby-Club in der 2. Bundesliga etablierten und überregional die Farben der Hansestadt vertraten, entwickelte sich das Hamburger Frauen-Rugby zu einer gewichtigen Nummer im deutschen Rugby.

 

Der Aufschwung des Frauen-Rugby im neuen Jahrtausend

 

Dem vermeintlich schwachen Geschlecht war es vorbehalten, den ersten deutschen Meistertitel nach Hamburg zu holen. Der FC. St. Pauli zeigte sich dabei zudem als sportlicher als Motor, auch die Frauen für das Spiel mit dem ovalen Leder zu begeistern. So gelang bereits 1995 der erste DM-Triumph. In den Jahren zwischen 2000 und 2008 folgten sieben weitere Finalsiege. Hinzu kamen noch drei Meistertitel in der mittlerweile olympischen 7er-Variante in den Jahren 2000 bis 2002 Damit avancierte das Frauenteam, und somit die Rugbysparte, zu der bisher erfolgreichsten Mannschaft des braun-weißen Gesamtvereins. Bei diesen Erfolgen war es nicht verwunderlich, dass der Hamburger Klub immer wieder zahlreiche Nationalspielerinnen stellte und noch immer stellt. Ein weiterer sportlicher Höhepunkt war zudem das EM-Turnier 2005 im heimischen Millerntorstadion.

 

Im Schatten der Erfolge der Frauen sendete der HSV wieder ein Lebenszeichen in Sachen Rugby. Fans aus dem Umfeld des Vereins wollten mit der Raute auf der Brust auflaufen und holten die Abteilung aus ihrem Dornröschenschlaf. Einen Wermutstropfen für das Hamburger Rugby erfolgte aber am 31. Dezember 2007, als die SV Polizei ihre ovale Sparte mangels Spielermasse auflöste. Doch die Platzhirsche FC St. Pauli und Hamburger Rugby-Club vertraten nun regelmäßig die Hamburger Farben in der 2. Bundesliga. Und mit der Ligareform 2012 schafften der FC St. Pauli und der HRC nicht nur den Sprung in die 1. Bundesliga, sondern spielten sich in der Saison 2014/15 sogar in die Play-offs um die deutsche Meisterschaft. Aber bereits in der ersten K.o.-Runde war für beide Hamburger Klubs gegen die Heidelberger Konkurrenz Endstation. Seit der Reform spielt der HRC dennoch ununterbrochen im Rugby-Oberhaus, wohingegen der FC St. Pauli ab und an eine Ehrenrunde in der 2. Bundesliga dreht.

 

Rugby-Aufschwung auch abseits des Ligabetriebes

 

Hoch anzurechnen sind aber auch die Verdienste der Hamburger Vereine, den Rugbysport auch abseits des Ligabetriebes verstärkt in der Hansestadt zu etablieren. Hervorzuheben sind dabei die beiden Länderspiele nach mehr als 40-jähriger Pause in den Jahren 2013 und 2014. Beide Partien fanden in der Wolfgang-Meyer-Sportanlage vor jeweils ausverkauften Haus statt. Mit dem EM-Spiel gegen Schweden und einem Jahr später mit dem WM-Qualifikationsspiel gegen Russland, das der Außenseiter Deutschland erst dramatisch in der Nachspielzeit verlor, setzten der Hamburger Rugby-Verband und seine Vereine mit dem Rahmenprogramm Maßstäbe für die weitere Ausrichtung von Länderspielen auf deutschem Boden. Und der FC St. Pauli ist mittlerweile mit seinen mehr als 600 Mitgliedern zum mitgliederstärksten Verein in Deutschland avanciert. Rugby wird in der Hansestadt zwar nicht mehr in so vielen Vereinen wie in dem Gründungsjahr des Hamburger Rugby-Verbandes gespielt, doch hat sich die Mitgliederzahl besonders durch die Intensivierung der Nachwuchsarbeit (so nahm der HHRV 2014 die Eimsbüttler Koalas auf, die nur Kinder- und Jugendrugby anbieten) von der U6 bis zu den Old Boys in den vergangenen zehn Jahren (Stand 2019) auf rund 1100 Mitglieder nahezu verdoppelt. Erfolge auf und neben dem Platz, die einen auf eine weitere starke Entwicklung des Rugbysports in Hamburg hoffen lassen – dessen sportliches Fundament im 19. Jahrhundert gelegt wurde.